20:59

eine amöbe.
etwas am rande der toten materie.
unerwünscht, klein, hässlich, dumm, eklig. und fast nicht lebendig. wie eine
amöbe kam sie sich gelegentlich vor.
ihre wahrheit: ganz anders.
der versuch verstanden zu werden endete, als der
notarzt kam. und dann die erstdiagnose,
die wahrheit: kollaps.
schwarz auf weiß, nein, kugelschreiber auf dünnem pauspapier, steht es
lesbar für jeden.
ihre schrift: krypten in den augen der anderen.
ihre ausdrucksweise wird als kranke schmiererei am rande des wahnsinns
bezeichnet.
am rande? darüber
diskutiert man noch.
unverständlich, unleserlich, wirr.
reden möchte sie schon lange nicht mehr.
sie ist schön, die welt der stille.
erst als die notärztin anfing ihr fragen über ihren gesundheitszustand zu
stellen, brach sie das schweigen.
viel verzweifelter als das verzweifelte zuhilferufen des notarztes ist ihre
verzweiflung.
in der sie verstanden werden möchte.
besorgniserregend für den rest.
denn sie konnte sich nicht verständlich machen.
20:59. sie wissen nicht mehr was sie tun sollen.
der arzt wird gleich kommen.
panik.
aber immer noch stumm.
raus, keinen arzt! runter vom bett, auf das sie mich vor einer halben stunde
getragen haben. nur weg. alles, aber
keinen arzt! keinen arzt!!!
könnt ihr die blinde angst in meinen geschlossenen augen nicht sehen?
meine stummen schreie nicht hören?
in spiegelschrift führt die rechte hand panisch den bleistift über das
zerknitterte papier.
„keinen arzt ich will“
reden tut der bleistift für sie. ihre lippen bewegen sich wie eine
überkochende
kürbissuppe. worte kommen keine heraus. von den lippenlesen kann hier
niemand. also gab man ihr papier und bleistift.
augen öffnen: auf aufforderung.
beste verbale reaktion: konversationsfähig.
beste motorische reaktion: auf aufforderung.
extremitätenbewegung: normal.
pupillenweite: weit.
das ist normal bei ihr. glauben wird ihr keiner geschenkt.
nicht zurechnungsfähig sei sie in diesem zustand.
alles was passiert mit ihr ist aber sie selbst.
später wird sie vom balkon springen.
hätten der künstler und zwei ihrer freundinnen sie nicht vom geländer
gezerrt.
weiß waren ihre fingerkuppen,
so sehr klammerte sie sich daran fest.
so viel kraft kann eine amöbe haben,
dass man sie zu dritt kaum von ihrem plötzlichen vorhaben abbringen kann.
bevor sie gezwungenermaßen ins auto, das sie nach hause bringen wird,
einsteigt, krallt sie ihre dünnen, kalten, blassen finger in die rinde eines
ahornbaumes. es ist schon dunkel um diese zeit zu dieser jahreszeit.
nicht ins auto. nicht nach hause.
zweimal muss der künstler an der türe klingeln, bis der ältere bruder
öffnet.
im badezimmer wurde sie gefunden.
am boden liegend.
zwischen der waschmaschine und der toilette.
nicht ansprechbar. alles bekommt sie mit.
sie wollte nur schlafen.
„die is ja total schwer“ stöhnt der künstler, als er ihren leblosen körper
zum bett trägt.
da liegt sie. hört jedes wort.
und grinst wie blöd. dabei ist sie nur glücklich.
ihre sichtbare freude liest man als zeichen höherer mächte.
ob sie drogen genommen habe?
wenn man eine halbe nussschnecke als solches bezeichnen kann.
keiner der um das bett stehenden leute hat so etwas schon mal erlebt. alle
versuchen sie ihr glück. rufen ihren namen, fragen was passiert ist. ob sie
sich den kopf gestoßen habe. nein hat sie nicht, es geht ihr doch gut. ihre
stummen antworten werden zwar wahrgenommen, können aber nicht gedeutet
werden. und ihre mimik ist nicht dechiffrierbar für die
besorgte menge.
sie hört sehr wohl die fragen. möchte aber nur schweigen.
so sein, wie sie sein muss wird sie erst, als die ärztin mit ihren beiden
assistenten die altbau wohnung hausnummer 5 betreten.

~ von 19islands am Juni 11, 2009.

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